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Schriftliche Prüfung vom 11.10.2017 - Kommentar

Schriftliche Prüfung vom 11.10.2017 - Kommentar

30.10.2017

Kommentar zur aktuellen schriftlichen Prüfung für den Heilpraktiker, eingeschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, vom 11.10.2017

In dieser Prüfung gab es überdurchschnittlich viele Fragen aus dem Bereich „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ (F7 – F9). In diesem Gebiet gab es auch eine Frage zu den „Bindungsstörungen“ (F94), die meiner Kenntnis nach bislang noch nie in einer schriftlichen Prüfung abgefragt wurden (siehe auch weiter unten).

Ebenso gab es eine Frage zu den typischen Symptomen der Hyperthyreose. In den Fallgeschichten der mündlichen Prüfung kommt diese häufiger vor, in der schriftlichen Prüfung bislang eher selten.

Bei vielen Fragen ging es auch um statistische Angaben bei den einzelnen Erkrankungen, auf die ich auch großen Wert in meinen Skripten lege, z. B. in welchem Alter beginnt in der Regel die Erkrankung? Wie ist die Geschlechterverteilung? Welches Zeitkriterium der Symptome gilt für die Diagnose?

Dafür gab es nur 1 Frage zur Schizophrenie und keine Fragen zur Psychopathologie, die in anderen Prüfungen häufiger nachgefragt wurden.

Insgesamt denke ich, war die Prüfung mit der entsprechenden Vorbereitung gut zu schaffen.

 

Die einzelnen Fachgebiete wurden in der folgenden Gewichtung abgefragt:

 

je 5 Fragen aus den folgenden Bereichen:
 

F7 – 9: Kinder- und Jugendpsychiatrie:

Bindungsstörungen; Legasthenie; Intelligenzminderung (dazu gab es auch im März 2017 eine Frage); Tic-Störungen; frühkindlicher Autismus


F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen:

Somatisierungsstörung (Statistik: in welchem Alter beginnt die Erkrankung in der Regel, Geschlechterverteilung, Zeitkriterium zur Diagnosestellung); akute Belastungsreaktion; Zwangsstörung; soziale Phobie; dissoziative Amnesie (Wiederholungsfrage!)

 

je 3 Fragen aus den folgenden Bereichen:


Therapeutische Verfahren: Methoden/Techniken der Psychoanalyse; kognitive Verhaltenstherapie nach Beck; diverse PT-Verfahren (katathymes Bilderleben, systemische Verfahren)


F3: Affektive Störungen: depressive Episode (Symptome); depressive Pseudodemenz (siehe auch Blogbeitrag vom 03.07.2017); welche Krankheitsbilder zählen zu den „affektiven Störungen“ (F3)?

 

je 2 Fragen aus den folgenden Bereichen:


F1: psychotrope Substanzen: Delir; Cannabis (Rauschsymptome)


F5: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen: Anorexia nervosa; Hyperthyreose


F6: Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: schizoide PS, narzisstische PS


Juristische Aspekte: Unterbringungsgesetz, Behandlungs-/Tätigkeitsverbot für den HP Psychotherapie

 

je 1 Frage aus den folgenden Bereichen:


F2: Schizophrenie und wahnhafte Störungen: Statistik: Erkrankungsalter, Krankheitsbeginn und Prognose, Negativsymptome


F0: Organische Störungen: Symptome der Alzheimer-Demenz


Suizidalität: u. a. suizidale Entwicklung nach Pöldinger


Psychopharmaka: Antidepressivum: Antriebssteigerung vor antidepressivem Effekt

 

Insbesondere die folgenden Fragen haben zu Verunsicherungen geführt:

 

Frage Nr. 2, Gruppe A:

Aussagenkombination

Typisch für das alkoholbedingte Delirium tremens ist / sind:

  1. Der Zustand hält gewöhnlich über Wochen an
  1. Verwirrtheit, motorische Unruhe und Halluzinationen
  1. Beginn nach Absetzen des Alkohols
  1. Es kann auch während einer Periode des schweren Trinkens beginnen
  1. Eine Bewusstseinstrübung tritt nicht auf
     
  1. Nur die Aussage 2 ist richtig
  1. Nur die Aussagen 1 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 1, 2 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 2, 3 und 4 sind richtig
  1. Alle Aussagen sind richtig

Richtige Antwort: D.
 

zu 3. und 4.: in der Regel denkt man bei einem alkoholbedingten Delir an das Entzugsdelir, es werden allerdings 2 Formen des Alkoholdelirs (Delirium tremens) unterschieden:

  1. Entzugsdelir (häufiger): tritt auf nach Absetzen des Alkohols
  2. Kontinuitätsdelir (seltener): entsteht aufgrund der fortschreitenden Toleranzentwicklung bei fortgesetztem Trinken

Weitere Details siehe in Skript Nr. 3 „Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (F1)“

 

Frage Nr. 3, Gruppe A:

Aussagenkombination

Welche der folgenden Aussagen zu Bindungsstörungen nach ICD 10 treffen zu?

  1. Wichtig ist die Abgrenzung von tief greifenden Entwicklungsstörungen nach ICD 10
  1. Beginn vor dem Alter von 5 Jahren
  1. Zur klinischen Leitsymptomatik der reaktiven Bindungsstörung gehören repetitive und stereotype Verhaltensmuster
  1. Die reaktive Bindungsstörung wird von anhaltenden und ausgeprägten kognitiven Defiziten, die mit denen des Autismus vergleichbar sind, begleitet
  1. Die reaktive Bindungsstörung tritt meist im Kontext von Vernachlässigung oder Misshandlung auf
     
  1. Nur die Aussagen 1, 2 und 4 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 1, 2 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 1, 3 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 2, 3 und 4 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig

Richtige Antwort: B.
 

zu 1.: richtig: das ICD 10 zeigt die Abgrenzung auch in unterschiedlichen Ziffern: „Entwicklungsstörungen“ werden unter F8 aufgeführt; zu den tief greifenden Entwicklungsstörungen zählen v. a. frühkindlicher Autismus (F84.0) und das Asperger-Syndrom (F84.5).
„Bindungsstörungen“ hingegen werden unter F9: „Verhaltens- und emotionale Störungen“, genauer unter F94: „Störungen sozialer Funktionen“ aufgeführt.

Im Gegensatz zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (F84) bestehen die Auffälligkeiten bei den Störungen unter F94 nicht in allen Bereichen sozialer Funktionen. Sie bestehen in umschriebenen Bereichen, z. B. in der zwischenmenschlichen Kommunikation (Sprechen) und /oder in zwischenmenschlichen Beziehungen (Bindungen).
 

zu 2.: richtig: auch hier wird wieder Statistik abgefragt (siehe Kommentar oben)

zu 3.: falsch: dies sind Leitsymptome des Autismus

zu 4.: falsch: die Bindungsstörung ist eben nicht mit Autismus vergleichbar (siehe 1.)

zu 5.: richtig: man geht davon aus, dass die Ursachen von Bindungsstörungen v. a. Vernachlässigung oder Misshandlungen sind
 

Zur besseren Übersicht können Sie hier die wichtigsten Merkmale von Bindungsstörungen downloaden.


Weitere Details siehe in Skript Nr. 10 „Kinder- und Jugendpsychiatrie (F7 – F9)“.

 

Frage Nr. 15, Gruppe A:

Aussagenkombination

Welche der folgenden Aussagen treffen zu?

Tic-Störungen

  1. sind willkürliche und regelmäßige Muskelaktionen und Lautäußerungen, die gewohnheitsmäßig auftreten
  1. gelten ab einer Dauer von einem Monat als chronisch
  1. beginnen typischerweise vor der Pubertät
  1. werden klinisch diagnostiziert
  1. treten bei ungefähr 10% aller Kinder und Jugendlichen vorübergehend auf
     
  1. Nur die Aussagen 3 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 1, 4 und 5 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 2, 3 und 4 sind richtig
  1. Nur die Aussagen 3, 4 und 5 sind richtig
  1. Alle Aussagen sind richtig

Richtige Antwort: D.
 

Bei dieser Frage sind einige Prüflinge über 4.: „klinisch diagnostiziert“ gestolpert.

Die Bezeichnung „klinisch“ hat mehrere Bedeutungen, in der medizinischen Umgangssprache bedeutet es: „durch ärztliche Untersuchung“ feststellbar. Es bedeutet nicht, dass die Diagnose nur in einer Klinik diagnostiziert werden kann.

Auch bei dieser Frage wurde viel Statistik abgefragt: Punkte: 2., 3. und 5.

zu 2.: falsch: das Zeitkriterium chronischer Tics ist mindestens 1 Jahr


Die komplette Prüfung vom 11.10.2017 mit Lösungsschlüssel finden Sie hier.

 

Wörterbuch:

Hyperthyreose:  gr.: hyper = Vorsilbe: über, erhöht, vermehrt / Thyreose: nicht entzündliche Schilddrüsenerkrankung
Schilddrüsenüberfunktion

repetitiv:  lat: repetitio = Wiederholung
sich wiederholend

stereotyp, Stereotypie
formelhafte Gesten, Bewegungen, Äußerungen, die ohne Zweck in immer gleicher Form wiederholt werden

man unterscheidet:

Stereotypien der

  • Sprache (Verbigeration)
  • Haltung (Körperhaltung, Lage des Körpers) = Haltungsstereotypien
  • Bewegungsstereotypien